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Dieser Beitrag richtet sich an Jugendliche, die sich fragen, warum sie immer wieder Dinge stehlen, obwohl sie das eigentlich gar nicht möchten. Wir erklären verständlich, was Kleptomanie ist, wie sie entsteht, warum sie nichts mit mangelndem Charakter zu tun hat – und was dir helfen kann.
Was ist Kleptomanie überhaupt?
Kleptomanie ist eine psychische Störung der Impulskontrolle. Das bedeutet: Betroffene haben grosse Mühe, einem inneren Drang zu widerstehen – in diesem Fall dem Drang zu stehlen. Dabei geht es nicht um Geld, Mutproben oder Gruppendruck.
Typisch für Kleptomanie ist:
- Die gestohlenen Dinge haben oft keinen grossen Wert
- Man braucht sie nicht wirklich
- Vor dem Stehlen baut sich starke innere Spannung auf
- Während oder kurz nach der Tat kommt es zu Erleichterung
- Danach folgen häufig Scham, Schuldgefühle oder Angst
Viele Jugendliche mit Kleptomanie fragen sich verzweifelt: “Warum mache ich das, obwohl ich genau weiss, dass es falsch ist?“
Bin ich einfach selbst schuld?
Eine der wichtigsten Botschaften gleich zu Beginn:
Kleptomanie hat nichts mit Schwäche, Faulheit oder fehlender Moral zu tun.
Wenn du betroffen bist, funktioniert dein inneres Stopp-Signal in bestimmten Momenten nicht zuverlässig. Das ist vergleichbar mit anderen Impulsstörungen, bei denen Menschen Dinge tun, die sie später bereuen – obwohl sie es besser wissen.
Viele Jugendliche schämen sich so sehr, sodass sie niemandem davon erzählen. Gefühle wie Angst oder Unsicherheit spielen dabei oft eine grosse Rolle. Sie versuchen, sich „zusammenzureissen“ – und fühlen sich umso schlechter, wenn es wieder nicht klappt. Dieser Kreislauf verstärkt das Problem oft noch.
Warum betrifft Kleptomanie gerade auch Jugendliche?
Die Jugend ist eine Lebensphase, in der sich im Gehirn sehr viel verändert. Besonders der Bereich, der für Impulskontrolle zuständig ist, entwickelt sich noch.
Gleichzeitig kommen oft weitere Faktoren dazu – viele davon hängen mit der psychischer Gesundheit zusammen:
- Starker emotionaler Stress (Schule, Familie, Beziehungen) – siehe auch Stress bewältigen
- Gefühle von Überforderung oder innerer Leere
- Probleme mit dem Selbstwertgefühl
- Konflikte, über die man nicht sprechen kann
- Der Wunsch, Kontrolle zu spüren
Das Stehlen kann sich dann unbewusst wie ein Ventil anfühlen – ein kurzer Moment, in dem die innere Spannung nachlässt.
Kleptomanie und Gefühle – was steckt dahinter?
Viele Betroffene berichten, dass sie nicht wegen des Gegenstands, sondern wegen des Gefühls stehlen. Typische innere Zustände vor dem Stehlen sind:
- Nervosität oder innere Unruhe
- Leere oder Gleichgültigkeit
- Wut, Traurigkeit oder Frust
- Das Gefühl, keinen Einfluss auf das eigene Leben zu haben
Der Augenblick des Stehlens erzeugt für einen kurzen Moment:
- Erleichterung
- Entspannung
- Ablenkung
Doch dieses Gefühl hält nicht lange an. Danach kommen meist Schuld- und Angstgefühle oder Selbstvorwürfe auf. Genau dieser Wechsel kann dazu führen, dass sich das Verhalten wiederholt, ja sogar verstärkt – ein typisches Muster bei Suchtverhalten.
Ist Kleptomanie dasselbe wie „klauen aus Spass“?
Nein! Da gibt es ein wichtiger Unterschied. Beim “klauen aus Spass” stehen Mutproben, Gruppendruck oder „Langeweile-Klauerei“ sowie der Wunsch nach simpler persönlicher Bereicherung im Vordergrund.
Bei Kleptomanie gilt:
- Der innere Drang steht im Zentrum des Handelns – nicht der Nutzen der geklauten Ware.
Viele Jugendliche mit Kleptomanie leiden persönlich sehr darunter, da die Angst über dieses Tabuthema zu reden, für sie so immens gross ist.
Welche Folgen kann Kleptomanie haben?
Auch wenn die Ursache psychisch ist: Die Folgen sind real.
- Ärger mit Eltern oder Lehrpersonen
- Hausverbot in Läden
- Anzeigen oder polizeiliche Konsequenzen
- Vertrauensverlust
- Massive Scham- und Angstgefühle
Gerade diese Folgen können dazu führen, dass sich Jugendliche noch mehr zurückziehen – und sich das Problem weiter verschärft.
Wie erkenne ich, ob ich betroffen sein könnte?
Du musst dich nicht selbst diagnostizieren. Aber die folgenden Fragen können dir eine erste Orientierung geben:
- Stehle ich Dinge, die ich eigentlich nicht brauche?
- Spüre ich vor dem Stehlen einen starken inneren Drang?
- Fühle ich mich danach kurz erleichtert – und später schlecht?
- Habe ich mir schon oft vorgenommen, damit aufzuhören, und es klappt trotzdem nicht?
- Schäme ich mich so sehr, dass ich niemandem davon erzählen kann?
Wenn du mehrere Fragen mit Ja beantwortet hast, könnte es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen.
Was hilft bei Kleptomanie?
Die gute Nachricht: Kleptomanie ist behandelbar.
Hilfe kann ganz unterschiedlich aussehen – wichtig ist, dass du damit nicht alleine bleibst.
1. Darüber sprechen
Wenn dir ein persönliches Gespräch schwerfällt, kann auch eine Onlineberatung ein erster, anonymer Schritt sein. Alternativ kannst du mit einer vertrauten Person reden, z. B.:
- einer Bezugsperson wie deine Eltern
- ein Schulsozialarbeiter oder eine Schulsozialarbeiterin
- eine Beratungsstelle
- eine psychologische Fachperson
Allein das Aussprechen nimmt oft schon etwas von der inneren Last.
2. Verstehen, was hinter dem Drang steckt
In einer Beratung oder Therapie geht es nicht nur um das Stehlen selbst, sondern um die Gefühle dahinter:
- Was löst den Drang aus?
- In welchen Situationen wird er stärker?
- Welche Bedürfnisse stecken dahinter?
Je besser du dich selbst verstehst, desto eher findest du andere Wege, mit diesen Gefühlen umzugehen.
3. Neue Strategien lernen
Viele Betroffene lernen Schritt für Schritt:
- Impulse früher zu erkennen
- Spannungen anders abzubauen (z. B. Bewegung, Schreiben, Musik)
- sich selbst nicht nur über Fehler zu definieren
Was du dir merken solltest
Wenn du von Kleptomanie betroffen bist:
- Mit dir ist nichts falsch
- Du bist nicht allein
- Dein Verhalten sagt nichts über deinen Wert aus
- Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen von Stärke
Es braucht Mut, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – besonders als Jugendlicher oder Jugendliche. Aber genau dieser Mut ist der erste Schritt in Richtung Veränderung.
Unterstützung finden
Auf netz-familie.ch findest du weitere Informationen, Selbsttests und Hinweise auf Beratungsangebote, die dir helfen können, deine Situation besser einzuordnen. Manchmal reicht schon ein neutraler Blick von aussen, um neue Perspektiven zu entdecken.
Zusätzlich sind auf netz-familie.ch auch Notfalladressen für die Schweiz zusammengestellt. Sie richten sich an Jugendliche und Familien, die sich in einer akuten Krise befinden und rasch Unterstützung brauchen – anonym, kostenlos und rund um die Uhr.
Dazu gehören unter anderem:
- Telefon- und Onlineberatungen für Kinder und Jugendliche
- Anlaufstellen bei psychischen Krisen oder starken Belastungen
- Notfallnummern, wenn du dich selbst oder andere in Gefahr siehst
Wenn du merkst, dass dich deine Situation überfordert oder du Angst hast, die Kontrolle zu verlieren, zögere nicht, diese Angebote zu nutzen. Hilfe holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Schritt, um dich zu schützen.
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Und auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt: Veränderung ist möglich – Schritt für Schritt.
Redaktion netz-familie.ch

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