Willkommen im Ratgeber für Jugendliche
Irgendwann kommt dann bei manchen Jugendlichen dieser grosse Moment, wo der Gedanke daran einen einfach nicht mehr los lässt: Wer sind eigentlich meine leiblichen Eltern? Dieser Gedanke kann ziemlich viel auslösen.
Warum diese Frage plötzlich auftaucht
Obwohl du als Jugendlicher genug mit Schule, Freunden, Social Media und deinen Alltagssorgen zu tun hast, kann sich die Frage nach den leiblichen Eltern plötzlich in dein Leben schleichen. Sei es durch einen saloppen Kommentar von einer Cousine, ein Fragen aufwerfendes Gespräch am Familientisch oder einfach dieses Bauchgefühl, irgendwie nicht alles über sich selbst zu wissen.
Fragen wie:
- Warum sehe ich niemandem aus meiner Familie ähnlich?
- Warum spricht man in der Familie nicht gerne über die Vergangenheit?
- Was weiss ich eigentlich wirklich über meine Herkunft?
Und manchmal ist es auch gar keine konkrete Frage. Eher so ein diffuses Gefühl im Magen von: „Da fehlt etwas“. Es ist schwer zu erklären, aber viele kennen genau dieses Gefühl.
Über die leiblichen Eltern nachdenken
Wenn Jugendliche, nach dem sie herausgefunden haben, dass sie beispielsweise adoptiert wurden, anfangen, über ihre leiblichen Eltern nachzudenken oder sie sogar sofort suchen wollen, heisst das nicht, dass die Familie, bei der sie bis anhin gelebt haben, unwichtig geworden wäre.
Fantasie im Kopf im Vergleich zur Realität
Viele stellen sich ihre erste allfällige Begegnung mit ihren leiblichen Eltern ziemlich filmreif vor:
Es gibt Umarmungen, Tränen fliessen und im Hintergrund ertönt heldenhafte Musik – Ende gut, alles gut, könnte man meinen.
Beiträge auf Social Media zu diesem Thema unterstützt genau solche Bilder. Die Realität ist aber häufig anders.
Manchmal melden sich die leiblichen Eltern auf deine erste Kontaktanfrage überhaupt nicht. Manchmal wollen leibliche Eltern einfach nichts von ihrer Vergangenheit aus dieser Zeit wissen – sei es aus persönlichen Gründen, wie schwierigen Lebenssituationen oder persönlicher psychischen Problemen usw. Manchmal ist die Situation einfach zu kompliziert, zu unangenehm oder emotional überfordernd – für die betroffenen Eltern.
Ein solch negativer Bescheid kann dich als Jugendlicher echt enttäuschen, ja sogar tief kränken. Aber du musst wissen, dass es nichts über deinen Wert als Mensch aussagt. Es zeigt eher, wie kompliziert einzelne Leben sein können.
Manchmal hilft es einfach abzuwarten und eine neue Kontaktnahme z.B. nach einem Jahr nochmals zu versuchen.
Social Media zeigt meist nur eine Seite der Medaille
Auf TikTok oder Instagram sieht man oft emotionale Wiedervereinigungen von Familienmitgliedern. Das wirkt, wie bereits oben erwähnt, erstmal wie ein Happy End.
Was man dabei aber nicht sieht:
- das lange Sehnen nach Antworten
- die manchmal schwierigen oder kühlen Gespräche
- leibliche Eltern, die überhaupt keinen Kontakt mehr wollen
- das Gefühl der Unsicherheit auf beiden Seiten
- oder meist noch schlimmer: es passiert überhaupt nichts
Wenn meine jetzige Familie komisch auf meine Nachforschungen reagiert
Manchmal ist nicht die Suche selbst schwierig, sondern das Reden darüber mit deiner jetzigen Familie, in der du bis anhin aufgewachsen bin.
Vielleicht kommen dann von den Eltern Sätze wie: „Warum willst du das wissen?“ oder „Das macht doch alles nur kompliziert.“
Das kann sehr weh tun. Oft steckt dahinter aber Unsicherheit oder Angst der Eltern, ersetzt zu werden oder plötzlich für dich weniger wichtig zu sein.
Merke: Du kannst deine jetzige Familie lieben und trotzdem an sie herausfordernde Fragen über deine Herkunft stellen. Beides passt zusammen, auch wenn es sich manchmal widersprüchlich anfühlt.
Reden hilft mehr als man denkt
Viele behalten solche Gedanken bezüglich der Aufklärung der eigenen familiären Situation erstmal für sich und leben ihre Gedanken über “was wäre wenn” nur in ihrer Fantasie aus. Das ist verständlich, macht es aber auf die Dauer oft schwerer.
Mit jemandem zu reden – Freunde, Geschwister, Tante/Onkel, SchulsozialarbeiterInnen oder mit einem/einer Berater oder Beraterin einer Jugendberatungsstelle – kann helfen, alles etwas zu sortieren. Nicht, weil daraus sofort Lösungen entstehen würden, sondern weil man nicht alles alleine tragen muss.
Erste Schritte, wenn man anfangen möchte zu suchen
Wenn der Wunsch stärker wird, mehr über die eigenen leiblichen Eltern oder deiner Herkunft ganz Allgemein zu erfahren, muss man nicht alles auf einmal machen. Kleine Schritte reichen völlig aus.
1. Erstmal sammeln, was man weiss
Alles aufschreiben, was man sicher weiss: Namen, Orte, Fakten von Dokumenten, Wichtiges aus Erzählungen der Familienmitglieder usw. Oft steckt mehr Information drin, als man am Anfang dachte.
2. Mit jemandem sprechen, dem man vertraut
Das kann helfen, die Gedanken aus dem Kopf zu bekommen. Nicht als Lösung, sondern als Entlastung.
3. Offizielle Stellen prüfen
Je nach Situation gibt es Adoptionsstellen oder Behörden, die für mich wichtige Informationen haben können. Das ist der sachliche Weg, nicht der emotionale Schnellstart.
4. Erwartungen ehrlich anschauen
Was erhoffe ich mir? Und was, wenn es anders kommt? Diese Frage ist unangenehm, aber wichtig, um später nicht komplett überrascht zu werden.
5. Zeit lassen
Es muss nichts sofort passieren. Viele Wege dauern Monate oder Jahre. Pausen gehören dazu.
Nachforschungen über seine Herkunft können manchmal herausfordernd sein
Früher war es z.T. recht schwer an behördliche Informationen zu den leiblichen Eltern zu gelangen. Heute reichen manchmal Internetrecherchen und DNA-Tests.
Das kann zwar helfen, bringt aber auch neue Unsicherheiten mit sich, wie:
- mögliche neue Geschwister
- unbekannte belastende Familiengeschichten
- widersprüchliche Informationen
- oder überraschende Wahrheiten
Das kann ziemlich viel auslösen. Deshalb ist es wichtig, sich vorher ehrlich zu fragen, ob man dafür bereit ist.
Wenn man jemanden findet
Klappt die Suche nach einem leiblichen Elternteil, dann ist es meist nicht immer, wie in einem glücklichen Familienfilm. Meist ist es eher wie ein vorsichtiges Kennenlernen von jemandem, der einem biologisch äusserst wichtig ist, aber im aktuellen echten Leben halt noch fremd ist.
Da ist selten sofort ein Familiengefühl, das aufkommt. Oft treten erste Unsicherheiten, Fragen und Abstand auf. Manchmal entwickelt sich etwas, manchmal nicht. Und manchmal dauert es halt auch lange.
Und wenn man niemanden findet
Manchmal bleibt die Suche offen. Ohne klare Antworten. Das kann frustrierend sein und weh tun. Aber es bedeutet nicht, dass deine Geschichte dadurch weniger wert ist, sondern ganz im Gegenteil – denn du hast Mut bewiesen, dich selber besser kennenzulernen. Und das ist es, was wirklich zählt.
Merke: Du bist mehr als deine Herkunft. Denk dabei an die vielen schönen Momente in deinem bisherigen Leben. Sie sind die primären Kraftgeber für dein zukünftiges Leben.
Du musst da nicht perfekt durch
Gib deinen Recherchen genug Zeit, und vor allem gib Deinem Herzen die nötige Geduld mit dem Wechsel der Gefühle, wie Hoffnung, Wut, Neugier, Trauer, Leere gut zurechtzukommen.
Eine Achterbahn der Gefühle ist ganz normal, weil es doch um etwas sehr Persönliches geht. Es gibt kein richtiges Tempo dafür.
Du darfst:
- pausieren
- nichts tun
- später weitermachen
- deine Meinung ändern
- oder gar nicht suchen
Alles ist okay.
Ein letzter Gedanke
Die Frage nach den leiblichen Eltern kann wichtig sein, muss es aber nicht.
Du musst für dich selber herausfinden, wieviel Herzblut du in die Nachforschungen stecken möchtest. Lass dir Zeit und überprüfe immer wieder, wie wichtig dein Anliegen für dich ist. Jemanden, der dich gut kennt und dem du vertraust, kann hierfür ein guter Wegweiser für dich sein.
Auf alle Fälle stehst du an einem wichtigen Punkt in deinem Leben und wirst sicherlich dank deinem guten Bauchgefühl gute Entscheidungen treffen.
Dein Leben ist mehr als deine Herkunft. Und du musst diesen Weg nicht alleine gehen, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.
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