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Lehrabbruch: Ja oder Nein? Eine Entscheidungshilfe für Jugendliche

Nachdenkliche Jugendliche am Schreibtisch, die über ihre Lehre und einen möglichen Lehrabbruch nachdenkt.
Du fragst dich, ob deine Lehre wirklich zu dir passt oder ob du einfach gerade eine schwierige Phase durchmachst? Die folgenden zwei Geschichten von Sarah und Nico zeigen, wie unterschiedlich die Gründe für einen Lehrabbruch sein können – und warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen, bevor du eine Entscheidung triffst.
Über die Autorin / den Autor Redaktion netz-familie.ch
Stephan Gallati
Erzieher & Sozialpädagoge – Initiant des Projektes "Engagement für Familieninhalte"
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Wenn der erste Zweifel auftaucht

Die wenigsten Jugendlichen stehen morgens auf und beschliessen aus heiterem Himmel, ihre Lehre abzubrechen. Meist beginnt es viel früher. Es ist ein Gedanke, der zunächst nur ab und zu auftaucht. Zum Beispiel nach einem schwierigen Arbeitstag. Nach einer misslungenen Prüfung. Nach einem Gespräch, das länger nachhallt, als einem lieb ist.

Irgendwann wird aus diesem Gedanken eine Frage.

«Ist diese Lehre wirklich der richtige Weg für mich?»

Solche Gedanken können Jugendliche doch sehr beunruhigen. Schliesslich haben sie lange nach einer zu ihnen passenden Lehrstelle gesucht. Eltern, Lehrpersonen und Freunde haben sich gemeinsam mit ihnen gefreut, einen tollen Lehrplatz gefunden zu haben. Da fühlt sich jeder Zweifel fast wie ein Verrat an.


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Beide, Sarah und Nico, hatten also Zweifel an der Wahl ihrer Lehrberufe.

Aber ihre Zweifel erzählten zwei komplett verschiedene Geschichten.

Die Frage, die alles verändert


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Zwei Wege – und beide brauchen Mut ihn zu gehen


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Es gibt keine perfekte Entscheidung

Wenn Jugendliche über einen Lehrabbruch sprechen, suchen viele nach der einen richtigen Antwort.

Soll ich bleiben? Oder soll ich gehen?

Auch Sarah wusste damals nicht, ob der neue Lehrbetrieb wirklich besser sein würde. Sie konnte nur hoffen, dass sich etwas zum Positiven verändern würde.

Auch Nico wusste nicht, ob ihm eine Informatiklehre tatsächlich gefallen würde. Er hatte sich intensiv informiert, geschnuppert und mit Berufsleuten gesprochen. Trotzdem blieb ein Risiko.

Das gehört zu jeder wichtigen Entscheidung.

Wer wartet, bis jede Unsicherheit verschwunden ist, wird oft gar nie handeln.

Viel hilfreicher ist eine andere Frage:

Welche Entscheidung werde ich allenfalls in einem Jahr eher bereuen?

Sarah hätte es sicherlich bereut, ihren Traumberuf aufgegeben zu haben, ohne jemals einen anderen Coiffeur-Lehrbetrieb kennengelernt zu haben.

Nico hätte es vermutlich bereut, mehrere Jahre in einem Beruf zu bleiben, von dem er schon früh wusste, dass er ihn in Zukunft nie ausüben werde.

Beide trafen unterschiedliche Entscheidungen. Beide Entscheidungen waren richtig!

Bevor du deine Kündigung schreibst

Falls du gerade selbst darüber nachdenkst, deine Lehre abzubrechen, dann nimm dir einen Moment Zeit. Nicht nur für eine Pro-und-Contra-Liste.

Sondern für eine ehrliche Bestandsaufnahme.

  • Überlege dir, wann deine Zweifel begonnen haben. Gab es hierfür einen bestimmten Auslöser? Hat sich dein ungutes Gefühl erst mit der Zeit verändert oder begleitet es dich schon seit dem ersten Arbeitstag?
  • Versuche ausserdem, Beruf und Lehrbetrieb voneinander zu trennen. Das klingt einfacher, als es ist. Frag dich, ob du denselben Beruf in einem anderen Betrieb noch einmal lernen würdest. Oder stell dir die umgekehrte Frage: Würdest du in deinem heutigen Betrieb bleiben, wenn du dort einen ganz anderen Beruf lernen könntest?

Solche Gedankenexperimente ersetzen keine Beratung beim Berufsberater/bei der Berufsberaterin. Sie helfen aber dabei, die eigenen Gedanken zu ordnen.

Und noch etwas: Behalte deine Zweifel nicht für dich.

Sarah erzählte ihrer Mutter erst sehr spät, wie schlecht es ihr ging. Nico sprach wochenlang mit niemandem über seine Sorgen. Beide sagen heute, dass sie sich dadurch unnötig unter Druck gesetzt hätten.

Es kostet Überwindung, sich jemandem anzuvertrauen. Aber genau dort beginnt die Lösung.

Wir merken uns: In der Schweiz unterstützen Berufsberatungen, Berufsfachschulen, kantonale Berufsbildungsämter und die meisten Lehrbetriebe Lernende dabei, schwierige Situationen einzuordnen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Manchmal führt das zu einem Lehrbetriebswechsel. Manchmal bestätigt sich der Wunsch nach einer Neuorientierung. Beides ist besser, als eine Entscheidung allein aus Überforderung oder Frust zu treffen.


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Ein Jahr später

Als Sarah ihre Abschlussprüfung bestand, musste sie an den Brief denken, der monatelang in ihrer Schreibtischschublade gelegen hatte. Wäre sie damals einfach gegangen, hätte sie ihren Traumberuf wahrscheinlich für immer aufgegeben. Heute weiss sie, dass nicht jede schwierige Lehre automatisch der falsche Beruf ist. Manchmal braucht es den Mut, den Lehrort zu wechseln – nicht den Traum.

Nico sass fast zur gleichen Zeit in einem Klassenzimmer und programmierte seine erste eigene Anwendung. Noch immer gab es Tage, an denen eine knifflige Aufgabe ihn zur Verzweiflung bringen konnte. Noch immer musste er lernen, Fehler zu akzeptieren. Der Unterschied war jedoch offensichtlich: Er hatte einen Beruf gefunden, indem er seine Leidenschaft fürs Tüfteln ausleben konnte.

Wenn sich Sarah und Nico heute begegnen würden, hätten sie wahrscheinlich denselben Rat für alle, die eine so wichtige Entscheidung für oder gegen einen Lehrabbruch treffen müssen.

Nicht: «Halte einfach durch.»
Und auch nicht: «Kündige sofort.»


Sondern: «Finde zuerst heraus, was dich am Lernort wirklich unglücklich macht.»

Diese Erkenntnis klingt einfach. In der Realität braucht sie Zeit, Ehrlichkeit und manchmal auch Unterstützung von Menschen, die von aussen auf die Situation schauen können.


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Du musst deine Zukunft nicht an einem einzigen Tag entscheiden

Vielleicht hast du gerade erst begonnen, über einen Lehrabbruch nachzudenken. Vielleicht beschäftigst du dich schon seit Wochen oder Monaten mit dieser Frage. In beiden Fällen lohnt es sich, einen Moment innezuhalten.

  • Frage dich nicht zuerst, wie du möglichst schnell aus der Situation herauskommst.
  • Frage dich, wo du in zwei oder drei Jahren stehen möchtest.
  • Kannst du dir vorstellen, diesen Beruf später mit Freude auszuüben?
  • Freust du dich auf das, was du lernst, auch wenn der Alltag manchmal anstrengend ist?
  • Oder merkst du, dass deine Interessen ganz woanders liegen?
  • Es gibt keine richtige Antwort, die für alle passt. Aber es gibt ehrliche Antworten, die du bereits in dir trägst. Mach es wie Nico & Sarah und finde deinen ganz persönlichen Weg.

Unser Tipp: Unterstützung findest du z.B. hier: In der Berufsberatungsstelle in deiner Nähe, in deiner Berufsschule, bei deiner Lehrmeisterin/deinem Lehrmeister oder auch an einer Jugendberatungsstelle.

Ein Beratungsgespräch verpflichtet dich zu nichts – es eröffnet dir einfach neue Möglichkeiten.


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Unser Schlussgedanke

Eine Lehre abzubrechen, ist keine Kleinigkeit. Sie verändert Pläne, wirft Fragen auf und kostet Mut und Energie. Trotzdem ist ein Lehrabbruch weder ein persönliches Scheitern noch ein Makel, der dich dein Leben lang begleitet.

Sarah fand ihren Weg, weil sie erkannte, dass sie den falschen Lehrbetrieb – nicht den falschen Beruf – gewählt hatte.

Nico fand seinen Weg, weil er sich eingestand, dass seine Interessen in einem ganz anderen Beruf lagen.

Beide trafen keine leichte Entscheidung. Beide übernahmen Verantwortung für ihren weiteren Weg.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.

Es geht nicht darum, möglichst nie eine falsche Entscheidung zu treffen. Es geht darum, den Mut zu haben, ehrlich hinzuschauen und aus Erfahrungen zu lernen.

Wenn du heute Zweifel an deiner Berufswahl hast, besprich es mit jemandem in deinem Umfeld, dem zu vertraust. Setzt dich nicht unter Druck und finde in Gesprächen mit Eltern, mit Personen aus deinem Lehrbetrieb oder deinem Berufsberater/deiner Berufsberaterin heraus, was du wirklich willst. Kurz gesagt:

  • Nimm dir Zeit.
  • Sprich darüber.
  • Informiere dich.

Und triff deine Entscheidung erst dann, wenn du nicht nur weisst, wovon du weg möchtest – sondern auch, wohin dein Weg führen soll.

Häufige Fragen

Ist ein Lehrabbruch ein Scheitern?

Nein. Viele Jugendliche stellen während ihrer Ausbildung fest, dass der Beruf oder der Lehrbetrieb nicht zu ihnen passt. Entscheidend ist, wie du mit dieser Erfahrung umgehst und welche Schritte du danach unternimmst.

Kann ich den Lehrbetrieb wechseln, ohne die Lehre abzubrechen?

Ja. Wenn dir der Beruf grundsätzlich gefällt, kann ein Lehrbetriebswechsel eine gute Lösung sein. Lass dich dazu möglichst früh beraten.

Wer hilft mir bei Problemen in der Lehre?

Unterstützung bieten unter anderem die kantonalen Berufsberatungen, Berufsfachschulen, Berufsbildungsämter, deine Berufsbildnerin oder dein Berufsbildner sowie andere Vertrauenspersonen.

Schadet ein Lehrabbruch meiner beruflichen Zukunft?

Nicht automatisch. Viel wichtiger als der Lehrabbruch selbst ist, dass du eine gute Anschlusslösung findest und deine Entscheidung nachvollziehbar erklären kannst.


Hinweis: Sarah und Nico stehen stellvertretend für Jugendliche, die in der Schweiz vor der Entscheidung stehen, ihre Lehre abzubrechen. Ihre Geschichten basieren auf typischen Situationen aus dem Ausbildungsalltag. Namen und einzelne Details wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.


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