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Klassenprimus: Wenn immer der Beste zu sein zum Problem wird

Eine Oberstufenschülerin sitzt lächelnd im Klassenzimmer und schaut in die Kamera
Gute Noten, Lob von den Lehrpersonen und vielleicht ein bisschen Neid von den Mitschülerinnen und Mitschülern: Klassenprimus zu sein klingt nach einer ziemlich guten Ausgangslage. Doch wer immer zu den Besten gehört, kann unter einem Druck leiden, den andere oft gar nicht sehen.
Über die Autorin / den Autor Verein netz-familie.ch
Stephan Gallati
Erzieher & Sozialpädagoge – Initiant des Projektes "Engagement für Familieninhalte"
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„Du bist doch sowieso immer der Beste in der Schule.“

Eigentlich ist das ein Kompliment. Wenn man es aber immer wieder hört, kann daraus etwas anderes werden: eine Erwartung. Irgendwann denkt man vielleicht selbst, dass man gar nicht mehr schlechter sein darf. Eine gute Note ist dann nicht mehr einfach eine gute Note. Sie wird zum Beweis dafür, dass man dem eigenen Ruf weiterhin gerecht wird.

Gerade Jugendliche, die über längere Zeit sehr gute Leistungen bringen, können in diese Situation geraten. Nach aussen sieht alles problemlos aus. Die Noten stimmen, die Eltern sind zufrieden und die Lehrpersonen wissen, dass sie sich auf den Schüler oder die Schülerin verlassen können. Was dabei leicht übersehen wird: Auch hinter sehr guten Leistungen kann Unsicherheit stecken.

Wenn eine 5 nicht mehr gut genug ist

Eine 5 ist in der Schweiz eine gute Note. Ein Klassenprimus, der/die sonst regelmässig 5,5 oder 6 schreibt, kann sich nach einer 5 trotzdem schlecht fühlen. Vielleicht war man überzeugt, die Prüfung besser gelöst zu haben. Vielleicht hat ein kleiner Fehler eine bessere Note verhindert. Oder jemand anderes war diesmal besser.

Für Eltern und Freunde ist das manchmal schwer nachzuvollziehen. „Sei doch zufrieden, eine 5 ist doch gut.“ Das stimmt zwar, hilft aber nicht unbedingt weiter.

Denn häufig geht es gar nicht um die Note selbst. Es geht um die Angst, schlechter geworden zu sein.

Wer sich daran gewöhnt hat, sehr gute Leistungen zu bringen, kann eine einzelne schlechte Prüfung schnell als persönlichen Rückschlag erleben.

Eine Prüfung zeigt allerdings nur, wie eine bestimmte Aufgabe an einem bestimmten Tag gelöst wurde. Vielleicht war man müde, nervös oder unkonzentriert. Vielleicht hat man einen Stoffteil falsch verstanden. Daraus lässt sich etwas lernen. Mehr muss eine einzelne Note nicht bedeuten.

Der Ruf, immer alles zu können

Klassenprimus zu sein bedeutet häufig auch, eine bestimmte Rolle in der Klasse zu haben. Andere fragen nach, wenn sie selber bei einer Aufgabe nicht weiterkommen. Lehrpersonen wissen, dass man sich auf einen verlassen kann. Zu Hause freuen sich die Eltern über gute Zeugnisse.

Das kann schön sein. Gleichzeitig entsteht dadurch leicht das Bild: Dieser Schüler kann das. Diese Schülerin weiss es. Bei ihr klappt es immer.

Was aber, wenn es einmal nicht klappt?

Vielleicht sitzt man vor einer Aufgabe und versteht überhaupt nicht, was verlangt wird. Vielleicht hat man einen schlechten Tag oder kommt bei einem Thema einfach nicht mit. Dann kann es unangenehm sein, eine Frage zu stellen. Nicht weil die anderen tatsächlich erwarten, dass man alles weiss, sondern weil man selbst das Gefühl hat, seinem Bild als “Superschüler/in” nicht mehr zu entsprechen.

Dabei gehört es zum Lernen, auch Dinge nicht zu verstehen. Auch sehr gute Schülerinnen und Schüler müssen manchmal nachfragen, üben oder sich etwas erklären lassen. Wer sich das nicht zugesteht, macht sich das Lernen und das Leben unnötig schwer.


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Wenn Ehrgeiz in Perfektionismus kippt

Ehrgeiz ist zunächst nichts Schlechtes. Wer etwas erreichen möchte, kann dadurch motiviert werden und sich dann intensiv mit einem Thema beschäftigen. Problematisch wird es, wenn aus dem Wunsch, etwas gut zu machen, die Angst vor jedem Fehler wird.

Dann wird eine Prüfung vielleicht nicht nur einmal gelernt, sondern immer wieder. Ein Referat wird so lange verändert, bis kaum noch etwas daran verbessert werden kann. Hausaufgaben werden mehrfach kontrolliert. Und selbst danach bleibt das Gefühl: Vielleicht reicht es noch nicht.

Perfektionismus kann viel Energie kosten. Vor allem dann, wenn die eigene Leistung zum Massstab für das Selbstwertgefühl wird.

Manche Jugendliche kennen den Gedanken: Wenn ich nicht die beste Note bekomme, bin ich nicht gut genug. Andere merken es eher daran, dass sie sich über eine sehr gute Leistung kaum noch freuen können. Die Aufmerksamkeit bleibt an dem hängen, was nicht perfekt war.

Aus Lernen wird dann leicht ein ständiger Test der eigenen Fähigkeiten.

Der Klassenprimus und die anderen

Auch innerhalb der Klasse ist die Situation für einen Klassenprimus nicht immer einfach. Wer gute Noten schreibt, kann schnell als „Streber“ bezeichnet werden. Manchmal ist das nur ein Spruch unter Freunden. Manchmal steckt Neid dahinter.

Das kann dazu führen, dass Jugendliche ihre Leistungen lieber herunterspielen. Sie erzählen nicht, dass sie für eine Prüfung lange gelernt haben, oder tun so, als sei ihnen die Note egal.

Das muss nicht sein: Gute Leistungen sind nichts, wofür man sich rechtfertigen muss. Gleichzeitig ist es auch nicht nötig, andere mit den eigenen Noten zu übertrumpfen. Jeder hat Fächer, die ihm leichtfallen, und andere, bei denen er mehr Mühe hat.

Schwierig wird es vor allem dann, wenn aus den unterschiedlichen Leistungen eine ständige Konkurrenz entsteht. Dann wird eine 5,5 nicht deshalb gut, weil man den Stoff verstanden hat, sondern nur, wenn niemand eine 6 geschrieben hat.


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Was passiert, wenn jemand besser ist?

Irgendwann kommt fast jeder Klassenprimus an diesen Punkt: Jemand anderes ist besser.

Vielleicht gibt es plötzlich einen Mitschüler, der in Mathematik schneller versteht, was zu tun ist. Vielleicht kommt eine neue Schülerin in die Klasse und schreibt bessere Prüfungen. Oder der bisherige Spitzenplatz verschwindet in einer höheren Schulstufe, weil der Stoff schwieriger wird.

Das kann am eigenen Selbstbild rütteln. Wer lange zu den Besten gehört hat, kann sich fragen: Was bin ich jetzt noch wert, wenn ich nicht mehr der Beste bin?

Die Antwort darauf sollte nicht von einer Rangliste abhängen.

Es ist völlig normal, dass andere Menschen in manchen Dingen besser sind als du. Das bedeutet nicht, dass deine eigenen Fähigkeiten dadurch weniger wert sind. Jeder Mensch hat seine Stärken. Der eine ist gut in Mathematik, die andere kann besonders gut schreiben, musizieren, organisieren, zuhören oder mit anderen Menschen umgehen.

Auch schulische Stärken verändern sich. Ein Fach, das früher leichtfiel, kann plötzlich schwieriger werden. Dafür entdeckt man vielleicht eine andere Fähigkeit, die bisher kaum eine Rolle gespielt hat.

Der Vergleich mit anderen sagt deshalb oft weniger aus, als man denkt. Interessanter ist die Frage, ob man selbst Fortschritte macht.

Wenn Eltern hohe Erwartungen haben

Eltern freuen sich meistens über gute Noten. Sie sind stolz, wenn ihr Kind zu den Besten gehört. Daran ist nichts falsch.

Schwierig kann es werden, wenn gute Leistungen irgendwann als selbstverständlich gelten. Eine 6 wird von den Eltern mit einem kurzen „Gut gemacht“ abgehakt, während eine 4,5 sofort für ein Gespräch sorgt.

Dann kann beim Jugendlichen der Eindruck entstehen, dass vor allem schlechte Leistungen auffallen.

Manchmal geschieht das völlig unbeabsichtigt. Eltern wollen helfen, motivieren oder die schulische Zukunft ihres Kindes sichern. Der Jugendliche hört aber möglicherweise etwas anderes: Ich darf nicht nachlassen.

Wenn du dich in dieser Situation wiedererkennst, kann ein offenes Gespräch helfen. Nicht unbedingt über eine bestimmte Prüfung, sondern über das Gefühl dahinter. Ein Satz wie „Ich habe manchmal Angst, euch mit einer schlechteren Note zu enttäuschen“ macht deutlich, was dich tatsächlich belastet.

Vielleicht wissen deine Eltern gar nicht, welchen Druck du dir selbst machst.


Webtipp: Das Schwarze Schaf in der Familie


Was hilft, wenn der Druck zunimmt?

Zunächst lohnt sich die Frage, warum dir die Leistung so wichtig ist. Macht dir das Lernen Freude? Interessierst du dich für das Fach? Oder lernst du hauptsächlich, weil du Angst vor einer schlechten Note hast?

Das kann einen grossen Unterschied machen.

Ein Ziel wie „Ich möchte den Stoff verstehen“ ist etwas anderes als „Ich muss mindestens eine 5,5 schreiben“. Das erste Ziel kannst du durch eine gute Vorbereitung beeinflussen. Das zweite hängt auch von der Prüfung und deiner Tagesform ab.

Auch Pausen sind wichtig. Nach einem langen Schultag noch stundenlang zu lernen, obwohl kaum noch etwas hängen bleibt, bringt nicht unbedingt mehr.

Freizeit ist keine Belohnung, die man sich erst verdienen muss. Freunde treffen, Sport machen, Musik hören, gamen oder einfach einmal nichts tun gehört ebenfalls zum Alltag.

Und dann sind da die Fehler. Eine schlechte Note kann ärgerlich sein. Das darf sie auch. Entscheidend ist, was danach passiert. Man kann anschauen, wo die Fehler lagen, daraus lernen und weitermachen. Man muss sich dafür nicht selbst fertig machen.


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Wann Unterstützung sinnvoll ist

Nicht jeder Leistungsdruck ist gleich ein Grund zur Sorge. Prüfungsangst, Nervosität oder Enttäuschung nach einer schlechten Note kennen viele Jugendliche.

Anders sieht es aus, wenn die Schule den ganzen Alltag bestimmt. Wenn du kaum noch abschalten kannst, ständig Angst vor Prüfungen hast, wegen des Lernens auf Freizeit verzichtest oder dich selbst nach sehr guten Leistungen weiterhin für ungenügend hältst, solltest du darüber sprechen.

Auch wenn du immer häufiger schlecht schläfst, dich vor bestimmten Fächern oder Prüfungen fürchtest oder dich wegen kleiner Fehler stark abwertest, lohnt sich Unterstützung.

Du kannst dich an deine Eltern wenden, an eine Lehrperson, die Schulsozialarbeit oder eine andere erwachsene Person, der du vertraust. Auch Jugendberatungsstellen, können dir da weiterhelfen.

Es muss nicht erst alles aus dem Ruder laufen, bevor du dir Hilfe holst.

Du bist nicht deine Noten

Gut in der Schule zu sein, ist eine Stärke. Du darfst ehrgeizig sein und dich über eine 6 freuen. Du musst deine Fähigkeiten auch nicht kleiner machen, damit andere sich besser fühlen.

Aber du musst deinen Platz an der Spitze nicht verteidigen.

Es wird Prüfungen geben, die nicht gut laufen. Es wird Fächer geben, die dir schwerfallen. Andere werden manchmal besser sein als du. Und du selbst wirst in anderen Situationen wieder vorne liegen.

Das gehört dazu.

Der Begriff „Klassenprimus“ beschreibt eine schulische Leistung, aber keinen Menschen vollständig. Was auf deinem Zeugnis steht, ist nur ein kleiner Ausschnitt von dir.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht das Wichtigste, immer der Beste zu sein. Wichtiger ist, dass du deine Fähigkeiten nutzen kannst, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas beweisen zu müssen.

Du darfst gut sein. Du darfst ehrgeizig sein. Und du darfst trotzdem Fehler machen.


Webtipp von netz-familie.ch

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