
Gastbeitrag von:
Tim hat auf netz-familie.ch einen eigenen Liveblog ↗. Er bloggt live aus seinem Alltag – immer dann, wenn es etwas cooles aus seinem Leben zu berichten gibt.
Hier nun sein ausführlicher Erlebnisbericht von einem Landdienst-Einsatz auf einem Bauernhof im Kanton Schwyz in der Zentralschweiz.
Man setzt einen Fuss vor den andern, zieht den Koffer hinter sich her und macht sich auf die Suche nach einem Teil seiner bäuerlichen Gastfamilie. Die Bäuerin Sandra* habe ich schnell gefunden, sie steht mit offenen Armen am Bahnhof und nimmt mich in Empfang. Dabei spüre ich viel Herzlichkeit, ihrerseits.
Man steigt in ein Auto und fährt raus aufs Land, während man ausgefragt wird. “Wie war die Reise?”, “Hast du denn schon mal so etwas gemacht?” sind die Stichthemen auf dieser kurzen Reise, und das ist auch okay so. Man steigt aus dem Auto aus und tritt in die frische Landluft und plötzlich ist man in einer anderen Welt! Genau so habe ich das zumindest erlebt.
Agriviva – Was ist das?
Zitate vom Anbieter: “Agriviva: Brückenbauer zwischen Stadt und Land, Konsumenten und Produzenten, Natur und Technik, verschiedenen Kulturen und Traditionen – und das schon seit 75 Jahren. Kuhglockensound und Heuduft inklusive: Erlebnisse und Erfahrungen gewinnen fürs Leben. Agriviva hat starken Rückhalt bei den politischen Behörden, den bäuerlichen Verbänden und im Bildungsbereich. Der Verein Agriviva ist nicht gewinnorientiert und wird von Bund, Kantonen, verschiedenen bäuerlichen Organisationen, Sponsoren und Gönnern unterstützt.” Quellennachweis: agriviva.ch
Web-Kontakt: Agriviva-Praktikum ↗

Von netter Begrüssung und markigen Worten
Was macht eine Bauernfamilie aus, welche Werte vermitteln sie? Was ist mit meinem Handykonsum? Diese Fragen stelle ich mir, als ich das frischbezogene Zimmer betrete und schon die nette Wilkommensgeste auf dem Bett erblicke. “Lieber Tim, herzlich willkommen bei uns für deinen Landdienst…”, heisst es da auf dem herzförmigen Zettelchen, direkt neben dem Schälchen mit Mandeln, das extra für mich zurechtgelegt wurde.
Nachdem man all sein Zeugs ausgepackt hat, soll man erstmal hinuntergehen und etwas trinken, bevor es dann an die Arbeit geht. Fast ist es so, als wäre ich hier nicht im Landdienst, sondern eher in den Ferien in einem 4* Hotel.
Die Tür schlägt auf. Ein Mann tritt ein – feste Statur, mit gutem Körperbau.
“Du bist Tim, oder?”, fragt dieser, während er einem die Hand entgegenstreckt und nickt. “Roland!*, heisst es knapp. “Dann fangen wir mal an!”, heisst es weiter. Man nickt und folgt.
Von Arbeitseinteilung und Work-Life-Balance
Die Arbeit ist nicht direkt anspruchsvoll, aber man weiss ja, man ist hier nicht um Ferien zu machen, sondern um zu arbeiten. Schliesslich wird man dafür ja auch entlöhnt. Nach dem Reglement der Agriviva beträgt der Lohn zwischen 12 und 20 CHF pro Arbeitstag – je nach Alter.
Gut, die Arbeiten sind unterschiedlich. Mal wäscht man einen Traktor, mal die Netze, die man zur Kirschernte benutzt oder mal bringt man den Schafen etwas zu trinken. Man kann sich vor dem Arbeitseinsatz nicht wirklich nur auf gewisse Arbeiten festlegen, sondern muss eher offen für alles sein und auch gerne Neues ausprobieren wollen. Wenn man eine Arbeit wegen physischer oder psychischer Belastbarkeit nicht ausführen kann, sollte man sich an die Bauernfamilie wenden. Man findet sicher eine Lösung.
“Essen!”, trällert es von weit her, aus der Küche des zweistöckigen Bauernhauses der Familie. Roland murrt und man begibt sich schnell zurück zum Haus, um den wohlverdienten “Zvieri” zu sich zu nehmen.
Vom Essen und den Toleranzbereichen
“Ich bin vegan.”, “Ich bin vegetarisch.»”, “Ich bin Frutarier.” Diese Sätze hört man zwar selten auf einem Bauernhof, doch sie können durchaus vorkommen. Was dann? Man stelle sich vor, ein Veganer lande auf einem Mastbetrieb und bekommt Trockenfleisch und Spiegelei vorgesetzt, was dann? Nein. Das wird so gar nicht vorkommen, denn es wird schon im Voraus mit Agriviva und der Bauernfamilie zusammen kommuniziert, ob eine solche Essenspräferenz vorliegt, und ob das dann auch für beide Parteien okay ist, respektiv auch, wie man damit umgehen kann. Ausserdem würde eine respektvolle Bauernfamilie niemals jemandem, der solche Esspräferenzen hat, etwas auftischen, was diese Person aktiv nicht essen will.
Bei Bauernfamilien gilt meist die folgende Regel: “Was auf den Teller kommt, das isst man auch!”. Bei meiner Bauernfamilie ist dieses Prinzip auch zur Geltung gekommen. In den früheren Generationen hat man nämlich anscheinend die Kinder geschlagen oder zurechtgewiesen, wenn diese mal nicht alles essen konnten/wollten, was auf den Teller kam. Das wurde auch mir so vermittelt, in dem mir befohlen wurde, die Restmilch in meiner Müslischüssel leerzutrinken, weil die Kuh die Milch sonst umsonst gegeben hätte.
Ein Tipp: Im Übrigen ist es nicht wirklich gesund, im Alter von unter 17 Jahren vegan/frutarisch zu leben – wegen dem gesunden Wachstum und so.
Von Politik und Konservatismus
So meine Linksliberalen, bitte einmal weghören. Nein, nur Spass! Von den ländlichen Bauernfamilien solltet ihr wenig Zustimmung in den Bereichen “LGBTQIA+” oder “Migration” erwarten, falls ihr tendenziell links seid. Die Bauernfamilien sind nämlich politisch eher rechts orientiert, also tendenziell SVP. Falls ihr linksliberale Diskurse führen wollt, seid ihr wohl eher in der Stadt Zürich oder in den Basler Kultcafés richtig.
Von meiner eigenen Bauernfamilie ist die Bestätigung gekommen, dass sie strikt nach konservativen Verhaltensmustern und Bräuchen lebt! Und das ist auch gut so! Hier auf dem Land ist die Schweiz noch in ihrem «Inneren Kreis» und noch im Ursprungszustand.
Aber, wie hast du das dann gemerkt, das deine Familie konservativ ist? Ich glaube, wenn es nach Rolands Philosophie ginge, hätten manchmal Kinder, die vielleicht eine längere Leitung haben oder nicht so gut im Haushalt mithelfen, ab und zu ein blaues Auge eingefangen. Jedenfalls früher. Aber keine Sorge, euch wird so etwas nicht widerfahren, denn das ist ja illegal.
Von “Ich kann nicht mehr” und “Nein!“
Vielleicht kommt man im Landdienst mal an seine Grenzen. Man stelle sich vor, dass man gerade bereits drei randgefüllte 15 Liter Eimer mit Düngemittel über 50 Höhenmeter einen Hügel hoch transportiert hätte und es nun hiesse: «nochmal!». Man ist jedoch schon am Ende und kann nicht mehr. Was jetzt? Will man ein Feigling und Schwächling sein, wenn man die Eimer nicht mehr hochzubringen schafft? STOP! Nein. Man ist kein Schwächling, wenn man es mal nicht mehr schafft, einen Arbeitsauftrag auszuführen, weil man einfach an seine physische Belastbarkeitsgrenze kommt, und das ist auch keine Schande, sondern einfacher Menschenverstand. Denn es ist Stärke, wenn man für sich selbst einsteht und auch sagt, wenn man es einfach nicht mehr ertragen kann. Konsequenzen wird es keine haben, ausser man jammert übermässig oder macht das zu oft so!
Von der Schlafenszeit und den Regeln
Es kommt drauf an, wie man’s nimmt. Manche sind schnell, manche langsam müde und können viel erdulden, ohne wirklich müde zu werden. Bei einem Landdienst gibt es meistens eine «Nachtruhezeit». Zu dieser Zeit, sollte man sich auf seinem Zimmer befinden und bestenfalls schlafen. Falls man aber so ist wie ich immer später schlafen geht, darf man auch weiter TikTok schauen (ob man das darf, das entscheidet die Bauernfamilie), bis man müde genug ist, um schlafenzugehen. Es liegt aber in der eigene Verantwortung eines jeden, dass man am nächsten Tag fit genug für einen weiteren Arbeitstag ist und auch mitmag. Wer dann reklamiert, ist selber schuld. Weitere Regeln können vielleicht auch umfassen, dass man das Handy während dem Arbeitstag nicht mitnehmen oder es nur zu den Randzeiten benutzen darf.
Vom typischen Tagesablauf und der Routine
Nachfolgend ist ein Tagesablauf dargestellt, der einem meiner Arbeitstage entsprach. Diese Abläufe variieren je nach Bauernbetrieb, Tag und Jahreszeit.

07:00 – Aufstehen. Man wird mit einem Klopfen, dann mit einem Ruf geweckt.
07:10 – Frühstück. Das Frühstück ist in der Regel schon bereit und besteht meist aus Butter, Marmelade, einem Müsli, einer heissen Schokolade, einem Kaffee (je nach Absprache) etc. In meinem Fall las auch Roland beim Frühstücken jedes Mal den “Bote der Urschweiz”, ein lokales Tagblatt. Sandra hingegen blätterte jeweils in einem Klatschblatt, während ich selber die Aussicht genoss.
07:30 – Bereitmachen für den Arbeitstag. In meinem Fall bestand diese Routine aus Zähneputzen, Skin-Care, anderen hygienischen Tätigkeiten und natürlich, mich mit Sonnencrème einzucremen. Das ist wirklich wichtig, ausser man möchte rotgebrannt nach Hause kommen.
07:50 – Anziehen. Man zieht seine Arbeitskleidung an, die man bei einem Arbeitseinsatz immer mitnehmen muss. Diese Kleidung besteht meistens aus speziellen Arbeitshosen (Tipp: Landi ↗) und einem T-Shirt/Pulli, der sicher schmutzig werden darf! Manche Flecken gehen wirklich nie mehr raus! Und Stiefeln und festen guten Schuhen, Arbeitshandschuhen (Gartenhandschuhe) und natürlich einer Sonnenbrille. Man sollte sich immer genug Zeit nehmen, damit man auch wirklich nichts vergisst.
08:00 – Start des Arbeitstages. Der erste Auftrag lautet, Laub von der Kirschernte zusammenzurechen und es danach mithilfe einer Schubkarre zum nahegelegenen Bach zu verfrachten, wo es weiter als ein Zuhause für Igel dienen soll. Danach beginnt man damit, eine Rinne von Unkraut zu befreien, was nur mithilfe von seinen puren Händen und einer Hacke eine mühselige Arbeit sein kann.
10:25 – Fahrt runter ins Nachbardorf. In meinem Fall bin ich mit Roland herunter ins Nachbardorf gefahren, um dort Kirschen bei einer Obstbrennerei abzuliefern. Nach einem längeren Tratsch zwischen Roland und dem “Obstbrenner” sind wir auch wieder gegangen.
11:10 – Weiterrechen. Ich mache mich wieder an die Arbeit, weitere Äste von Kirschbäumen und ihre Blätter zusammenzunehmen und somit die zukünftige Weide der Schafe von dem «Naturabfall» zu befreien.
12:05 – Mittagessen. Es gibt Hörnli mit Gehacktem, dazu Most und einen Salat (aus dem Garten).
12:30-13:15 – Mittagspause/Siesta. Während Roland schläft, schreibe ich weiter am Liveblog ↗ oder schaue Instagram oder TikTok.
13:15 – Weiter mit dem Arbeitstag. Des Weiteren muss heute bei den Kühen auf der Alp umgezäunt werden, neues Heu muss her und Unkraut muss gerupft werden.
15:10 – Laubbläser, Olé! Ich beginne, mit dem Fadenmäher am Strassenrad das überwüchsige Gras zu entfernen und es danach an den Strassenrand zu blasen, um es besser zusammenrechen zu können, während ich laufend fahrenden Autos ausweichen muss.
16:15 – Zvieri. Eine kurze Pause, mit Brot (auch manchmal Zopf), frischem Fleisch aus Eigenproduktion, hier: Trockenfleisch/Landjäger, zudem lokaler Käse.
16:40 – Muuhh!! Kühe melken. Nun ist es Zeit, dass man die Kühe melkt. Davor müssen aber zuerst der Stall geputzt werden, dazu wird der Boden mit Wasser abgespült, die Schei**e weggeräumt und die Kühe gebürstet und gepflegt. Danach werden alle Kühe gemolken (ja, das musst auch du machen!). Wenn alle Kühe gemolken sind, bekommen erst die Kälber noch Milch von der Mutterkuh (aus einem Eimer), und später dürfen dann alle Kühe auf die Weide. Ich durfte dabei mit einem Stock in der Hand aufpassen, dass die Kühe nicht abhauen.
Halt! Wir sind noch nicht durch. Man muss der Kuhherde im Stall, während sie auf der Weide sind, auch noch frisches Silofutter in die Tröge schaufeln. Das sind satte 800kg pro Tag! Wenn man mitrechnet, dass das in meinem Fall Roland morgens um 05:00 Uhr alles alleine bereits schon einmal gemacht hat, dazu noch Kühe bürsten und melken – Hut ab!
18:40 – Duschen und Umziehen. Duschen ist echt wichtig, sonst stinkt man. Bah. Macht es (bitte) jeden Tag. Danach zieht man sich um (Hauskleider).
19:00 – Abendessen. Zum Abendessen gibt es eine Art Ratatouille mit selbstgemachter Pasta. Lecker!
19:30-21:45 – Spielen, TikTok. Hier kann man eigentlich selbst über seine Zeit verfügen, vielleicht will die Familie noch ein Gesellschaftsspiel mit einem spielen, sagt einfach nicht nein :D!
21:45 – Zähneputzen etc. Man putzt sich die Zähne, macht Skin-Care – was man halt alles machen muss und geht dann nach oben in sein Gemach (Synonym für Zimmer).
22:00 – Nachtruhe. Man sollte hier das Licht löschen und schlafen gehen. Wenn es einem die Gastfamilie aber nicht verbietet, kann man hier gut noch am Handy sein und tun und lassen was man will (im Rahmen.).
23:45 – Schlafenszeit. Das war der Durchschnitt bei mir (FUNFACT).
Von Aggression und Rebellion
Natürlich läuft in einer Bauernfamilie nicht alles glatt. Bei gewissen Diskussionen gab es manchmal schon Momente bei denen ich schon mal leer schlucken musste:
Auf eine Meinung von mir: “Ich werfe Produkte, die mehr als einen Tag abgelaufen sind, weg.” bekam ich folgende Antworten:
Roland: “Im Moment würde ich dir am liebsten eine Ohrfeige geben.” oder «Wenn ich deine Eltern wäre, dann würde ich dich jetzt für drei Stunden rausschicken. Egal ob es regnet. <…> Drei Stunden, keine Sekunde weniger.
Ein solchen Umgangston finde ich natürlich nicht okay! Denn das gehört sich nicht, auch wenn man einen oft ungefilterten und authentischen Einblick in das Leben einer Bauernfamilie bekommt. Ich finde, dass man sich zügeln sollte, bevor man solche Kommentare reisst.
Solche Ereignisse in Gastfamilien kommen, so hoffe ich wenigstens, nur selten vor. Aber es gibt sicher Situationen, in denen man solche wortstarke Momente ungefiltert mitbekommt. Es ist aber wichtig, dass man zwischen Aggression und Provokation unterscheiden kann und man lernt, richtig damit umzugehen.
Abschlussgedanke und Tipps

Bist du gerne in der Natur und möchtest eine andere Lebenskultur im eigenen Land kennenlernen? Möchtest du dich mit anderen interessanten Menschen austauschen? Willst du neue Facetten deiner Persönlichkeit kennenlernen? Du möchtest gerne mit Tieren arbeiten? Oder du bist einfach neugierig, was auf einem Bauernhof so abgeht? Ja, dann lohnt es sich für dich einen Blick auf das Webangebot von agriviva.ch ↗ zu werfen, eine Vermittlungsstelle für Arbeitseinsätze auf dem Bauernhof.
Also, ich habe in meiner Gastfamilie viel über das bäuerliche Leben gelernt, und es hat mir echt gefallen!
Vielleicht schreibst auch du schon bald deinen eigenen Erlebnisbericht. Ich bin gespannt!
Legende
*= Name geändert. Tatsächliche Namen sind der Redaktion von netz-familie.ch bekannt.
Besucher-Bewertung Themenblog Gesellschaft “Landdienst – Arbeitseinsatz oder Wellnessferien?”
Dein Beitrag hat den Nerv getroffen!
Cool geschrieben ohne Make-Up 🙂
Ich finde solche Aufenthalte können supercool sein, aber man kann auch Pech haben. Hatte mal bei einem Sprachaufenthalt einen schwierigen Landloard. Wichtig finde ich einfach, dass man sich zu wehren weiß!
Thanks and bye





